Konservative und die Entdeckung der Gleichberechtigung

Warum sich der Feminismus nicht vereinnahmen lässt
Immer wieder hört man in diesen Tagen aus konservativen und auch aus rechten Reihen man müsse geflüchtete Frauen und Kinder vor der Gewalt der Migranten, deren Kultur auf Diskriminierung von Frauen und Unterordnung abziele und grundgesetzliche Werte missachte, schützen. Die CDU springt aus Angst vor einem Kopftuch für alle und Imamen, die CDU-Vize Julia Klöckner den Händedruck verweigern, gerne auf diesen Zug auf.
Erschienen bei Grün ist Lila, in Zusammenarbeit mit Laura Pioch.
Angst vor Privilegienverlust
Die TIES-Studie zeigt, dass türkische Migrant*innen der zweiten Generation umso liberaler in ihren Ansichten in Bezug auf Gleichstellung, die Rolle der Frau, die Ehe für alle usw. seien, je gebildeter sie sind. Bei deutschen Familien gelte das nicht. Die Einstellungen und Argumente gegen die Erwerbsarbeit von Müttern mit Kleinkindern entsprechen bei der bürgerlichen, deutschen (weißen) Mittelschicht denen der religiös-konservativen türkischen Migrant*innen. Beide Gruppen sind häufig intoleranter gegenüber anderen Lebensformen. Das heißt Bildung ist ein wichtiger Faktor für eine aufgeklärte Gesellschaft, aber nicht der einzige ausschlaggebende Faktor. Insbesondere die „weiße“ deutsche Mittelschicht befürchtet häufig, dass der Bildungsaufstieg von Minderheiten mit einem Verlust ihrer privilegierten sozialen Position einhergehe. Sie geraten in eine Abwehrhaltung und verteidigen aus Angst vor Status- und Machtverlust ihre Privilegien vor Migrant*innen und Feminist*innen. Ihr Bildungsgrad verhilft ihnen da nicht zu mehr Reflektion.
Konservative Feminist*innen!?
Das Paradoxe an der Geschichte: Genau diese konservative weiße Mittelschicht nutzt nun Geschlechtergerechtigkeit als Argument, um vor muslimischen Migrant*innen zu warnen und tut so, als wäre Deutschland ein Paradies der Gleichheit der Geschlechter. Es ist absurd, wenn CDU-Frontfrau Julia Klöckner beim Thema Integration einerseits nach feministischer Unterstützung ruft: „Wo sind eigentlich all die linken Feministinnen?“ und dem Frauenbild vieler Zuwander*innen eine „verschleierte Sichtweise“ vorwirft. Denn die CDU fordert Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Liebe und grundgesetzlicher Werte von den Migrant*innen, hat aber selbst ein „ungutes Bauchgefühl“, wenn es darum geht, die Ehe für alle zu öffnen, die Adoption von Kindern auch für gleichgeschlechtliche Paare zu erlauben und echte Geschlechtergerechtigkeit einzufordern.
Feministische und antirassistische Kämpfe verbinden!
Feminist*innen lassen sich von solchen Positionen nicht vereinnahmen. Feminismus stellt tradierte Machtstrukturen in Frage und will Privilegien aufbrechen. Auch die antirassistischen Bewegungen tun dies. Beide Bewegungen stoßen bei der bürgerlichen Mittelschicht in Deutschland auf Widerstand, da diese nicht auf bereits vorhandene Privilegien verzichten möchte und sich dementsprechend verteidigt. Deshalb ist die Solidarität zwischen antisexistischen und antirassistischen Kämpfen so wichtig. Und deswegen ist klar: Feminist*innen zeigen sich solidarisch mit Geflüchteten!
Wir sind noch nicht am Ziel!
Wir müssen aufhören so zu tun, als wären wir besser als alle anderen. Auch in Deutschland gibt es Vergewaltigungen. In Deutschland gibt es ein Pay-Gap und Geschlechterdiskriminierung. Auch in Deutschland müssen Frauen Gewalt erleiden und Diskriminierung erfahren. Und zwar nicht nur durch „Ausländer“, wie es die AfD gerne betont, sondern auch von Deutschen. Allein die vielen sexuellen Übergriffe auf dem Oktoberfest jedes Jahr zeugen davon. Insbesondere aber die viele Gewalt im Verborgenen, hinter verschlossenen Türen, in Familien. Machen wir uns nichts vor, anstatt wie die CDU immer belehrend auf Migrant*innen zu schimpfen, sollten wir uns lieber an die eigene Nase fassen. Denn von Geschlechtergerechtigkeit ist Deutschland auch im Jahr 2015 noch weit entfernt. Und auch wir Grünen sollten uns selbstkritisch fragen, wann unser Feminismus anti-muslimische Züge annimmt. Auch bei uns gibt es Diskussionsbeiträge, wo darauf hingewiesen wird, dass der Islam an sich und die arabische Kultur nun mal „anti-westlich“, „anti-demokratisch“ und „anti-egalitär“ seien. Das Kopftuch als heiß umstrittenes Symbol vorne weg. Es wird dann vor dem Islam als frauenverachtender und –unterdrückender Religion gewarnt. Auch in unserer Partei gibt es Rassismen. Diese zu reflektieren und zu hinterfragen ist entscheidend. Nur so schaffen wir es, die gleichberechtigte, diskriminierungsfreie und tolerante Gesellschaft zu gestalten, die wir alle uns wünschen!



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