Die GRÜNE JUGEND vor Ort: Besuch im Café Sperrgebiet

Bericht vom Besuch im Café Sperrgebiet, ursprünglich erschienen auf gruenejugendhamburg.de

Als GRÜNE JUGEND diskutieren wir gerne über die großen politischen Fragen. Uns ist es aber auch wichtig, vor Ort mit den Akteur_innen zu sprechen und von ihnen über ihre Situation zu lernen. Welche Probleme gibt es in Hamburg bzw. ganz konkret in St. Georg in der Sexarbeit? Welche Unterstützung brauchen die Frauen? Um Antworten näher zu kommen, waren wir zu Besuch im Café Sperrgebiet.

von Mareike Engels, Esther Schwedler und Maximilian Bierbaum

Das Café Sperrgebiet
Das Café Sperrgebiet ist eine Anlaufstelle für junge Frauen bis 30, die als Sexarbeiterinnen in St. Georg tätig sind. Das Café Sperrgebiet unterstützt diese Frauen in ihren Lebenslagen und bietet dafür ein niedrigschwelliges Angebot an. Ob Rechtsberatung, Sozialberatung oder einfach nur ein nettes Gespräch beim Frühstück – vieles ist möglich, Voraussetzungen gibt es keine. Sozialarbeiterinnen, Ärztinnen und Juristinnen sind Bestandteil des Teams und helfen, wo sie können, ohne dem Druck von außen nachzugeben. Das Café Sperrgebiet gehört zum Diakonischen Werk Hamburg.

Die Situation in St. Georg
Früher dominierte in St. Georg die sogenannte Beschaffungsprostitution: Frauen, die stark drogenabhängig sind und sich zur Beschaffung dieser Drogen prostituieren. Dies hat sich gewandelt, wobei es auch diese Form nach wie vor gibt. Es gebe nun aber wohl viel häufiger Frauen, die aus anderen wirtschaftlichen Zwängen heraus in St. Georg der Prostitution nachgehen. Darunter auch viele (EU-) Migrantinnen, die nach Deutschland kommen um Geld für ihre Familien zu verdienen und in der Prostitution schnell Geld verdienen wollen. Anders als auf St. Pauli spielt die organisierte Kriminalität auf St. Georg aber wohl keine so große Rolle, Zuhälter gibt es eher auf kleinerer Ebene.

Wohnungslosigkeit
Ein großes Problem der Prostituierten, die zur Beratung ins Café Sperrgebiet kommen, ist die Wohnungslosigkeit. Das bedeutet zwar nicht, dass diese Frauen auf der Straße schlafen, aber sie wechseln häufig die Wohnungen, schlafen bei Männern, die sie kennen lernen oder mieten sich in ein billiges Hotel ein. Dadurch sind sie unter ständigem Stress, eine Übernachtung zu finden oder diese bezahlen zu müssen, so dass sie schwer zur Ruhe kommen können. An Auszeiten ist kaum zu denken. Weiterhin gehen dadurch ständig wichtige Dokumente und Papiere verloren.
Früher hatte das Café Sperrgebiet Übernachtungsplätze und Wohnprojekte. Sie würden auch weiterhin gern ein Wohnprojekt anbieten, finden aber keine passenden Wohnungen, selbst bei der SAGA und bei den Genossenschaften wurden sie bisher nicht fündig. Außerdem fehlt ihnen die Finanzierung für ein wirklich offenes Wohnprojekt, weil momentan nur Frauen mit deutschem Pass mit Ansprüchen auf Sozialleistungen einziehen könnten.

Kontaktverbotsverordnung und Sperrgebiet
Seit 1980 gilt das Sperrgebiet in St. Georg. Das heißt: Seitdem bekommen Frauen, die wegen Prostitution erwischt werden, ein Bußgeld. Diese summieren sich schnell und treiben die Frauen in ein weitere Schuldenspirale. Der ökonomische Druck nimmt zu und um diesen entgegenzutreten arbeiten sie noch mehr – und werden wieder mit einem Bußgeld aufgeschrieben.
Seit 2012 gilt nun auch die Kontaktverbotsverordnung, seitdem werden auch Freier mit einem Bußgeld bestraft. Dies macht die Situation noch komplizierter. Das Freierklientel wurde dubioser, die Frauen weichen stärker auf Kneipen aus (Alkohol!) oder steigen schneller zu potentiellen Freiern ins Auto, was ihre Sicherheit gefährdet. Auch Zuhälter spielen eine immer größere Rolle.
Zudem ist in St. Georg seit 1995 ein dauerhaftes Gefahrengebiet eingerichtet. Die staatlichen Repressionen wirken also auf vielfältige Weise auf die Menschen vor Ort.

Politische Forderungen
Aus diesem Besuch haben sich folgende politische Forderungen ergeben, die wir innerhalb der GRÜNEN JUGEND und der GRÜNEN diskutieren wollen:
- Abschaffung der Sperrgebiets- und Kontaktverbotsverordnung
- Unterstützung bei der Wohnungssuche, Freistellen von Wohnungskontingenten für soziale Projekte
- Abschaffung von Sanktionen im ALGII-Bezug
- bessere Unterstützung der Sozialverbände – ideell, aber auch finanziell. Dazu gehört ein Ausgleich von Inflation, Tarif- und Mietsteigerungen.